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Thursday, 19 February 2026

Louise - poëme champêtre en trois idylles

Es ist Februar, ein kalter, nasser, teilweise verschneiter Februar. Kurzum, das perfekte Wetter, um sich zu verkühlen und sich danach wehmütig an die Ermahnungen von St. Ursins "Die Damen mögen sich doch bitte warm einpacken*" zu erinnern, während man warm eingewickelt mit Theetasse und leichter Lektüre auf dem Sopha liegt... (*paraphrasiert aus seinem Buch "L'ami des femmes")

Die Trouvaille: 

Vor zwei Jahren führte mich mein Weg unter den Berner Lauben wieder einmal beim Antiquariat Thierstein vorbei. In der Thierstein'schen Handlung habe ich schon so manchen schönen Fund gemacht, grad die Kiste mit den Einzelbänden, die in der Laube steht, lässt mich bei jedem Gang innehalten - so auch dieses Mal. Flugs zwei Bändchen entdeckt: Die Poésies de Monsieur le Marquis de la Farre, von 1777 - zugegeben etwas ausserhalb meines normalen Rahmens - verlegt in Genève.
Und: "Louise, un poëme champêtre en trois idylles" von Voss. Die Voss'sche Luise auf französisch? Die musste natürlich mit. 


Praktische Grösse, um es sich mit der Lektüre auf dem Sopha bequem zu machen.



Sabine von Kleidung um 1800 hat mir vor einigen Jahren, als ich dringend auf lichte und schöne Erzählungen angewiesen war, einen reizenden, selbst gefertigten Nachdruck der Luise geschenkt. Wann immer die Stimmung kippt, reichen einige Seiten, und man ist wieder besser gestimmt. (Bitte nicht verwechseln mit Therese Hubers Luise. Davon bekommt man - grad als Frau - Depressionen...) Die schönen Alexandriner des Originals haben die Übersetzung ins Französische nicht überstanden, aber es ist auch so eine schöne Lektüre.


Das kleine Bändchen. Misst gerade mal 13.5 x9cm!

Unter Liebhabern "unserer" Zeit tauscht man sich ja gerne aus, so kam es kurz danach zum (online) Gespräch mit Jan Mende, dem Kurator und Museumsleiters des Knoblauchauses in Berlin über die Luise, dabei wollte ich ihm den Fund nicht vorenthalten - und es ergab sich automatisch auch die Frage: "Von wann ist das denn?" 


Unten auf dem Titelblatt sieht man eine 9. Könnte es sich dabei um das Jahr 9 handeln? Oder um einen 9 Band einer (unbekannten) Buchreihe?


Erster Schritt: 

Ein Tabellenprogramm auf, gallica.bnf.fr an, und mal versuchen, die Adresse des Libraires Madran "rue pavée de Saint André des Arts, No 16" einzugrenzen. 

Resultat: ab 1798 bis 1804 sind die Bücher mit der Adresse versehen. 


Wo in Paris ist das bitte? Dank dem "Neuesten Plan der Stadt Paris", erschienen 1799 im Verlage des Industrie Comptoirs, lässt sich das auch herausfinden. Hier als Vorsatzpapier bei Bénédicte de Savoys Buch über Helmina von Chézy (Berlin, 2009) verwendet.


Fassen wir zusammen: Erste Eingrenzung: 1798-1804. 


Nächster Schritt, die Neuerscheinungslisten:


Das ist im Paris der Zeit Roux' Journal de Typographique et Bibliographique - eine fantastische  Ressource, die mir schon oft geholfen hat. (Allerdings ist man etwas aufgeschmissen, wenn man ganz ohne Eingrenzung rangeht) 


Das Digitalisat ist aus New York, dankbarerweise verfügbar via Google Books https://books.google.ch/books?id=tDwRAAAAIAAJ&newbks=1&newbks_redir=0&printsec=frontcover&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

 zu finden. Wenn man öfters mit französischen Publikationen der Sattelzeit zu tun hat, empfehle ich, das PDF auf den eigenen Rechner zu packen



 

Unter Des Ouvrages nouveaux publiés dans la IVme. année du JOURNAL BIBLIOGRAPHIQUE. Ier. vendémiaire, au 30 Fructidor an IX. (22 Sept. 1800, au 21 Sept. 1801), Buchstabe "L": Louise, poême champêtre. Maradan.


Unten rechts

Entsprechend dürfen wir wohl annehmen, dass die etwas unmotiviert und unetikettiert dastehende 9 (erinnert mich an einen Mathelehrer: "9? Neun was? Franken? Kuchen? Kühe? Die Einheit gehört mitdran") tatsächlich das Jahr bezeichnet. 


Nochmals besten Dank an Jan Mende, dessen Nachfrage mich auf die amüsante und überraschend kurze Suche geschickt hat. 



Etwas schönes Vorsatzpapier im ansonsten schlichten Bändchen



(Zwischenzeitlich hab ich auch noch den Blog eines Bibliophilen aufgetan, der sich die Mühe gemacht hat, viele der Erscheinungen Maradans zeitlich einzugrenzen - und viele mehr listet, als ich es mit der BNF geschafft hab. Spoiler: die Louse ist nicht dabei)

https://histoire-bibliophilie.blogspot.com/2018/04/claude-francois-maradan-1762-1823.html



Weiterführendes:


VOSS, Johann Heinrich: Luise: ein ländliches Gedicht in drei Idyllen, Königsberg, 1795.

VOSS, Johann Henrich: Louise. Un poëme champêtre en trois idylles. Paris An 9.


ROUX, P.: Journal de Typographique et Bibliographique, Paris 1801.


SAVOY, Bénédicte (hg): Hélmina von Chezy: Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I. Akademie Verlag, Berlin 2009.


Tuesday, 10 October 2017

Salomon Gessner (1. April 1730 - 2.März 1788)- ein Zürcher Selfmademan erobert Europa

Wer in Zürich gelebt hat, hat früher oder später mal den Namen Gessnerallee gehört, das Gessnerdenkmal auf dem Platzspitz gesehen (oder vor 20 Jahren noch das "Gessner-Parkhaus" erlebt).
Beschäftigt man sich mit  der Literatur, die die Zeit um 1800 beinflusst hat, kommt nicht um den Zürcher Dichter herum. Er war hoch gefeiert, heute beinahe vergessen, und nur noch als Flurname bekannt, was ich eigentlich sehr bedauere

Ich bin über die Radierungen in Emilie von Berlepsch's Sommerstunden (ein Wunderbares Buch) auf Gessner gekommen, und hab erst einmal einen Zuckerschock erlitten.
Gessner feiert in seinen Idyllen das bukolische Idyll, eineWelt, die es eigentlich nie gab.
Ein Arkadien, welches antike Züge hat, und doch durch und durch romantisch verklärt ist.

Für den modernen Leser ist Gessner zuweilen "Starche Tuback" - und liegt zuweilen etwas quer im Hals, bei seinen Zeitgenossen hatte er aber voll ins Schwarze getroffen; Rousseau und Diderot überschlagen sich und können ihn kaum genug loben. "Je sens que votre ami Gessner est un homme selon mon coeur" wie Rousseau an Huber schreibt (und ich frage mich grad, was hielten eigentlich die frühen Jenaer Romantiker von Gessner? Völlig veraltet oder noch immer topmodern?)

Eine Kostprobe aus seinen Idyllen:
Hier wollen wir dann ins weiche Gras uns lagern, wenn Ziegen an der felsichten Seite klettern, und die Schafe und die rinder um uns her im hohen Grase waten; dann wollen wir über das weit ausgebreitete Thal hinsehn, ins glänzende Meer hin, wo die Tritonen hüpfen, und wo Phöbus von seinem Wagen steigt, und wollen singen, dass es weit umher in den Felsen wiedertönt, dass Nymphen still stehn und horchen, und die Ziegenfüssigen Waldgötter.

Wer mehr lesen möchte, dem empfehle ich, dem Link hier  zum Digitalisat zu folgen.

Ursula Pia Jauch von der NZZ (übrigens auch eine Gründung von Gessner) hält aber fest:
Was wir heute leichthin und etwas verächtlich als Bukolik rubrizieren, ist entstanden in der dunkelsten Zeit der Zürcher Sittenmandate. Die Einwohner sind gegängelt von tausenderlei Vorschriften vom Kirchenbesuch über die Kleiderordnung bis hin zur selbstverständlichen Bücherzensur. Man muss dieses Klima der polizeistaatlichen Unfreude, Furcht und Sprödigkeit vor dem geistigen Auge haben, um den nicht einmal so kühnen, sondern vor allem befreienden Ton nachvollziehen zu können, den Gessner anschlägt, wenn er die Hand seines Schäfers auch einmal «auf dem leichtbekleideten Schoosse» seines Mädchens spielen lässt. Mit einigem Glück hat Gessner seine Werke an der Zensur vorbeigebracht, und gewagt waren nicht nur die Schäferszenen, sondern auch diese oder jene deutliche Bemerkung über Armut auf dem Land und die Korruption der politischen Macht.
Quelle: NZZ 1.4.2005

Salomon Gessner - ein sehr interessanter Mann.

Ein Buchbinder- und händlerssohn, der eigentlich in Berlin in der Spenerschen den Buchhandel hätte lernen sollen, aber dann lieber zeichnete und dichtetet. Der sich gegen den Willen seiner Eltern verheiratete (nach Judith Gessner geb. Heidegger ist ein kleiner Platz entlang der Sihl im Zürcher Kreis 1 benannt) und beruflich nach anfänglichen Startschwierigkeiten Anerkennung fand.

Er stand unter anderem der Zürcher Porzellan- und Fayencenmanufaktur vor, war als Sihlherr zuständig für die Versorgung der Stadt Zürich mit Brennholz aus dem Sihlwald. Das von ihm mit-gegründete Verlagshaus "Orell, Gessner, Füssli & Cie" gibt es heute noch, als "Orell Füssli" einer der grossen in der Schweizer Buchhandlungs- und  Verlagslandschaft.

Erste Seite der Zürcher Zeitung, dem Vorgänger der NZZ
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53056

Gessner erscheint als anpackender Mensch, ein Praktiker. Und grad darum fasziniert mich, wie er den arkadischen-Schäfer-Idyllendichter und den Macher unter einen Hut gebracht hat.

Ein paar Bilder, die ich auf einem Stadtbummel geschossen habe:

Das Gessnerdenkmal auf dem Zürcher Platzspitz
Photo: A. Reeves
Inschrift von Nahem
Photo: A.Reeves


Zunfthaus zur Meisen an der Limmat, gegenüber dem Grossmünster.
 Gessner wurde 1765 für die Zunft zur Meisen in den Grossen Rat gewählt.
1767 dann in den Kleinen Rat. Im Zunfthaus zur Meisen ist heute die
  Porzellansammlung des Schweizer Landesmuseums untergebracht.
Photo: A. Reeves


Das Haus zum Schwanen, wo Gessner ab 1736 gewohnt hat
Photo: A Reeves
Goethe hat sich in seinen Reisebeschreibungen eher über Lavater ausgelassen,
aber wir wissen, dass sein Ego zuweilen Mühemit in "seinem" Feld
erfolgreichen Menschen hatte. (Man denke nur daran, dass
er seine Zeichenkünste der von A. Kauffmann ebenbürtig dachte)
Photo: A. Reeves
Ein stattliches Bürgerhaus, und heute bummelt man einfach so daran vorbei, ohne zu wissen, wer eigentlich da einst gewohnt hat.
Photo: A. Reeves



Links die nicht direkt im Text eingebaut sind, und dennoch interessant sind:

Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Salomon_Gessner
https://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_von_Berlepsch

HLS - Historisches Lexikon der Schweiz
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D11825.php