Thursday, 9 April 2026

Kleine Hilfen im digitalen Urwald

Ich hatte heute das Vergnügen, einer interessierten jungen Frau eine Zusammenstellung mit nützlichen Links für den Einstieg in Quellen der Sattelzeit zu schicken. 

Vielleicht sind einige der Datenbanken auch für Lesende des Blogs von Interesse, daher teile ich diese hier mal - grad e-rara und e-periodica sind vielleicht Forschenden ausserhalb der Schweiz weniger bekannt und könnten dennoch von Nutzen sein: 

E-rara - die Plattform mit Volltextsuche. Rechtstexte zu Frauen sind unter Stichworten wie “Erbschaft”, “Chorgericht” oder “Ehe” zu finden. Sachen zu Kleidung (z.B. die Kleiderordnungen mit entsprechenden Stichworten (z.B. Vêtement oder Reformationscammer) - hier als Beispiel die Kleiderordnung in Fribourg 1774

Eingrenzung nach Zeit und Erscheinungsort mittels der Filterfunktion. 

Auch eine tolle Datenbank ist die e-periodica, ein Service der ETH - grad bei Frauenfragen gibt es auch immer mal wieder Überschneidungen zu anderen Disziplinen wie z.B. der Kunstgeschichte, mit der Suche landet man in vielen verschiedenen Publikationen.

Stapfer-Enquête: die grosse Schulumfrage von 1799, die eine doch recht ordentlichen ersten Eindruck über die Alphabetisierung im Gebiet der heutigen Schweiz zu Ende des 18. Jahrhunderts bietet. Suchfunktion via die Karte oder über das Ortschaftsverzeichnis, alles transkribiert aber auch mit PDF zum Quellentext.

Das Journal des Luxus und der Moden - auf der ThULB: Die Suche ist eine Stichwortsuche, basierend auf Doris Kuhles Dissertation (händisch erfasst) von 2003, d.h. auch da findet sich beim Lesen oft mehr, als die Suche gibt. 

Das Journal des Dames et des Modes
Bei Gallica BNF stirbt die Datenbank beim Journal seit der Migration alle paar Zugriffe mal wieder den Heldentod… - alternativ auf Bunka Gakuen

Ebenfalls auf Gallica findet sich Constance Pipelets (später la Princesse de Salm) Brief an die Frauen, von 1797 (Also nach dem Terror veröffentlicht)


Thursday, 19 February 2026

Louise - poëme champêtre en trois idylles

Es ist Februar, ein kalter, nasser, teilweise verschneiter Februar. Kurzum, das perfekte Wetter, um sich zu verkühlen und sich danach wehmütig an die Ermahnungen von St. Ursins "Die Damen mögen sich doch bitte warm einpacken*" zu erinnern, während man warm eingewickelt mit Theetasse und leichter Lektüre auf dem Sopha liegt... (*paraphrasiert aus seinem Buch "L'ami des femmes")

Die Trouvaille: 

Vor zwei Jahren führte mich mein Weg unter den Berner Lauben wieder einmal beim Antiquariat Thierstein vorbei. In der Thierstein'schen Handlung habe ich schon so manchen schönen Fund gemacht, grad die Kiste mit den Einzelbänden, die in der Laube steht, lässt mich bei jedem Gang innehalten - so auch dieses Mal. Flugs zwei Bändchen entdeckt: Die Poésies de Monsieur le Marquis de la Farre, von 1777 - zugegeben etwas ausserhalb meines normalen Rahmens - verlegt in Genève.
Und: "Louise, un poëme champêtre en trois idylles" von Voss. Die Voss'sche Luise auf französisch? Die musste natürlich mit. 


Praktische Grösse, um es sich mit der Lektüre auf dem Sopha bequem zu machen.



Sabine von Kleidung um 1800 hat mir vor einigen Jahren, als ich dringend auf lichte und schöne Erzählungen angewiesen war, einen reizenden, selbst gefertigten Nachdruck der Luise geschenkt. Wann immer die Stimmung kippt, reichen einige Seiten, und man ist wieder besser gestimmt. (Bitte nicht verwechseln mit Therese Hubers Luise. Davon bekommt man - grad als Frau - Depressionen...) Die schönen Alexandriner des Originals haben die Übersetzung ins Französische nicht überstanden, aber es ist auch so eine schöne Lektüre.


Das kleine Bändchen. Misst gerade mal 13.5 x9cm!

Unter Liebhabern "unserer" Zeit tauscht man sich ja gerne aus, so kam es kurz danach zum (online) Gespräch mit Jan Mende, dem Kurator und Museumsleiters des Knoblauchauses in Berlin über die Luise, dabei wollte ich ihm den Fund nicht vorenthalten - und es ergab sich automatisch auch die Frage: "Von wann ist das denn?" 


Unten auf dem Titelblatt sieht man eine 9. Könnte es sich dabei um das Jahr 9 handeln? Oder um einen 9 Band einer (unbekannten) Buchreihe?


Erster Schritt: 

Ein Tabellenprogramm auf, gallica.bnf.fr an, und mal versuchen, die Adresse des Libraires Madran "rue pavée de Saint André des Arts, No 16" einzugrenzen. 

Resultat: ab 1798 bis 1804 sind die Bücher mit der Adresse versehen. 


Wo in Paris ist das bitte? Dank dem "Neuesten Plan der Stadt Paris", erschienen 1799 im Verlage des Industrie Comptoirs, lässt sich das auch herausfinden. Hier als Vorsatzpapier bei Bénédicte de Savoys Buch über Helmina von Chézy (Berlin, 2009) verwendet.


Fassen wir zusammen: Erste Eingrenzung: 1798-1804. 


Nächster Schritt, die Neuerscheinungslisten:


Das ist im Paris der Zeit Roux' Journal de Typographique et Bibliographique - eine fantastische  Ressource, die mir schon oft geholfen hat. (Allerdings ist man etwas aufgeschmissen, wenn man ganz ohne Eingrenzung rangeht) 


Das Digitalisat ist aus New York, dankbarerweise verfügbar via Google Books https://books.google.ch/books?id=tDwRAAAAIAAJ&newbks=1&newbks_redir=0&printsec=frontcover&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

 zu finden. Wenn man öfters mit französischen Publikationen der Sattelzeit zu tun hat, empfehle ich, das PDF auf den eigenen Rechner zu packen



 

Unter Des Ouvrages nouveaux publiés dans la IVme. année du JOURNAL BIBLIOGRAPHIQUE. Ier. vendémiaire, au 30 Fructidor an IX. (22 Sept. 1800, au 21 Sept. 1801), Buchstabe "L": Louise, poême champêtre. Maradan.


Unten rechts

Entsprechend dürfen wir wohl annehmen, dass die etwas unmotiviert und unetikettiert dastehende 9 (erinnert mich an einen Mathelehrer: "9? Neun was? Franken? Kuchen? Kühe? Die Einheit gehört mitdran") tatsächlich das Jahr bezeichnet. 


Nochmals besten Dank an Jan Mende, dessen Nachfrage mich auf die amüsante und überraschend kurze Suche geschickt hat. 



Etwas schönes Vorsatzpapier im ansonsten schlichten Bändchen



(Zwischenzeitlich hab ich auch noch den Blog eines Bibliophilen aufgetan, der sich die Mühe gemacht hat, viele der Erscheinungen Maradans zeitlich einzugrenzen - und viele mehr listet, als ich es mit der BNF geschafft hab. Spoiler: die Louse ist nicht dabei)

https://histoire-bibliophilie.blogspot.com/2018/04/claude-francois-maradan-1762-1823.html



Weiterführendes:


VOSS, Johann Heinrich: Luise: ein ländliches Gedicht in drei Idyllen, Königsberg, 1795.

VOSS, Johann Henrich: Louise. Un poëme champêtre en trois idylles. Paris An 9.


ROUX, P.: Journal de Typographique et Bibliographique, Paris 1801.


SAVOY, Bénédicte (hg): Hélmina von Chezy: Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I. Akademie Verlag, Berlin 2009.